Fragen und Antworten zum Verbundprojekt Wirksamkeit der Schmerzausschaltung durch Lokalanästhesie bei der Ferkelkastration

 

1. Warum wird das Projekt durchgeführt?

Mit dem Dritten Gesetz zur Änderung des Tierschutzgesetzes vom 4. Juli 2013 wurde das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration im Tierschutzgesetz geregelt. Dabei wurde eine Übergangsfrist bis zum Ablauf des 31. Dezember 2018 vorgesehen. Dies geschah vor dem Hintergrund des gesetzlich verankerten Grundsatzes, dass keinem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden dürfen. Ein solcher vernünftiger Grund besteht nicht, wenn geeignete Alternativen zur betäubungslosen Saugferkelkastration zur Verfügung stehen. Dass die Kastration ein schmerzhafter, chirurgischer Eingriff ist und das Schmerzempfinden von Tieren, auch von sehr jungen Tieren, ähnlich dem des Menschen ist, wurde in den letzten Jahrzehnten nachdrücklich bewiesen.
Das Projekt soll eine Entscheidungshilfe für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft liefern,

  • ob mit der Lokalanästhesie eine wirksame Schmerzausschaltung bei der chirurgischen Ferkelkastration erreicht werden kann und
  • ob die Lokalanästhesie entsprechend den Anforderungen des Deutschen Tierschutzgesetzes in Zukunft als rechtskonforme Methode zur Schmerzausschaltung bei der Ferkelkastration im Praxisbetrieb zugelassen werden kann.

 

2. Wieso werden männliche Ferkel überhaupt kastriert?

In Deutschland stellt die Unterbindung des Ebergeruchs von Fleisch den Hauptgrund für die Kastration männlicher Ferkel dar. Unter Ebergeruch versteht man den geschlechtsspezifischen Geruch männlicher Schweine, der ab einem Alter von ca. fünf Monaten auftritt. Dieser wird vom Verbraucher vor allem bei der Erhitzung des Eberfleisches als Geruchsbelastung mit unterschiedlicher Intensität wahrgenommen und führt zu geringer Akzeptanz des Fleisches. Des Weiteren verhindert die Kastration unerwünschtes sexuelles oder aggressives Verhalten der Eber.

 

3. Welche Alternativen zur betäubungslosen Kastration gibt es bisher?

Prinzipiell existieren Alternativen zur chirurgischen Ferkelkastration, etwa die immunologische Inaktivierung der Hodenfunktion (Immunokastration) oder der vollständige Verzicht auf die Kastration männlicher Schweine (Jungebermast). Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, den chirurgischen Eingriff der Kastration unter Betäubung durchzuführen. Für die Allgemeinnarkose werden beim Schwein einerseits die Injektionsnarkose mit Azaperon und Ketamin und andererseits die Inhalationsnarkose mit Isofluran durchgeführt. Alle Methoden bergen Vor- und Nachteile. Beispielsweise zeigen die Tiere bis zur vollen Wirksamkeit der Impfung sexuell motiviertes Verhalten gleich Ebern. Ein Vorteil der Injektionsnarkose ist beispielsweise der geringe apparative Aufwand, aber bedingt durch die lange Nachschlafphase nach der Kastration in der die Ferkel vom Muttertier separiert werden müssen, würden die Ferkel mehrere Milchmahlzeiten verpassen.
Das Projekt soll darum überprüfen, ob eine lokale Betäubung (Lokalanästhesie) als rechtskonforme Methode zur Schmerzausschaltung bei der Ferkelkastration im Praxisbetrieb zugelassen werden kann und somit als weitere Alternative zur Verfügung stünde.

 

4. Was ist eine Kastration unter Anwendung einer Lokalanästhesie?

Die Lokalanästhesie beruht auf einer regionalen Blockade der Nerven im Applikationsbereich mit einer daraus resultierenden lokalen Schmerzfreiheit und Empfindungslosigkeit. Im Gegensatz zur Allgemeinanästhesie ist das Bewusstsein dadurch nicht eingeschränkt.
Die Wirksamkeit der Lokalanästhesie zur Schmerzausschaltung bei der Saugferkelkastration war bereits Gegenstand einiger Untersuchungen. Allerdings variieren die Ergebnisse der bisherigen Studien. Der aktuelle Kenntnisstand reicht noch nicht aus, um sichere Aussagen im Hinblick auf die Durchführung der chirurgischen Ferkelkastration unter Lokalanästhesie und insbesondere im Hinblick auf die Sicherstellung einer wirksamen Schmerzausschaltung bei den Ferkeln treffen zu können.
Daher sollen im Rahmen des vorliegenden Verbundprojektes „Wirksamkeit der Schmerzausschaltung durch Lokalanästhesie bei der Ferkelkastration“ verschiedene Lokalanästhetika sowie verschiedene Applikationsorte und –techniken daraufhin untersucht werden, wie effektiv sie zur Optimierung der Schmerzausschaltung bei der Saugferkelkastration eingesetzt werden können.
Ziel ist es, ein Verfahren der Lokalanästhesie zu etablieren, welches eine bestmögliche Wirksamkeit und schonende Anwendung bietet und damit zur Optimierung des Tierschutzes bei landwirtschaftlichen Tieren beiträgt.

 

5. Wie wird das Projekt genau ablaufen?

Zunächst soll im Rahmen der geplanten Studie eine genaue Evaluierung des effektivsten Lokalanästhetikums bzw. der effektivsten Kombination verschiedener Lokalanästhetika und der besten und schonendsten Applikationsmethode unter standardisierten Laborbedingungen erfolgen. Anschließend wird in Feldversuchen die Überprüfung der Praxistauglichkeit der Methode durchgeführt, um praktische Durchführungskonzepte für die Implementierung in der Ferkelzucht zu erstellen.

 

6. Wie wird die Belastung der Tiere während der Studie erfasst und wie werden Schmerzen in der Studie verringert bzw. behandelt?

Die Belastung der Tiere wird anhand von klinischen (z.B. Testung von Reflexen, Beurteilung der Wundheilung etc.), apparativen (z.B. Aufzeichnung und Auswertung von EKG, EEG, Blutdruck, Herzfrequenz etc.) und labordiagnostischen (z.B. Messung von Cortisol, Katecholaminen etc. im Blut) Parametern erfasst sowie anhand von Verhaltensbeobachtungen eingeschätzt. Durch die aufeinander aufbauenden Teilschritte der Studie soll die benötigte Tierzahl und die Schmerzbelastung der Tiere so gering wie möglich gehalten werden. Nach jedem Teilschritt erfolgt eine Auswertung der Ergebnisse. Nur jeweils die am besten bzw. die am aussichtsreichsten beurteilten Wirkstoffe bzw. Wirkstoffkombinationen und Applikationsarten werden im nächsten Schritt/Studienteil weiter untersucht.

 

7. Andere Länder akzeptieren die Lokalanästhesie bei der Ferkelkastration. Warum brauchen wir dazu eine große Studie?

Andere Länder haben andere Ausgangsbedingungen. Für den Wirkstoff Lidocain gibt es keine Rückstandshöchstmengenfestsetzung und damit kein zugelassenes Präparat für das Schwein. Daher wird beispielsweise in Schweden und Norwegen Lidocain umgewidmet, um dieses bei der Saugferkelkastration einzusetzen. Dänemark hingegen verwendet Procain. Ergebnisse von Studien divergieren bezüglich der Effektivität der Schmerzausschaltung. Zu Procain gibt es aber wenig belastbare Ergebnisse, die die Wirksamkeit einer alleinigen Lokalanästhesie mit Procain bestätigen. Laut Deutschem Tierschutzgesetz wird ab dem 01.01.2019 eine effektive Schmerzausschaltung bei der Kastration von Ferkeln gefordert. Da bisherige Untersuchungen zu unterschiedlichen Ergebnissen bezüglich des Einsatzes von Lokalanästhetika bei der Ferkelkastration führten, hat die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung eine entsprechende Untersuchung zur Optimierung der Schmerzausschaltung durch Lokalanästhesie bei der Kastration ausgeschrieben.

 

8. Warum ist eine Lokalanästhesie-Untersuchung jetzt plötzlich nötig, wenn es schon Ergebnisse/frühere Meinungen gibt, dass diese bei der Kastration nicht ausreicht?

Zum Einsatz von Procain und Lidocain gibt es bereits Studien, deren Ergebnisse aber sehr divergieren und wenig vergleichbar sind. Daher sind sie als Basis für eine allgemeine Anordnung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft noch nicht ausreichend.
Aus diesem Grund wird das vorliegende Verbundprojekt „Wirksamkeit der Schmerzausschaltung durch Lokalanästhesie bei der Ferkelkastration“ durchgeführt, um auch andere Lokalanästhetika, Applikationsformen und Dosierungen detailliert und vergleichend zu untersuchen. Damit soll eine Entscheidungsgrundlage geschaffen werden, um die Methode der Lokalanästhesie bei der Ferkelkastration zu bewerten.

 

9. Wer sind die Partner des Projektes? Wie ist der zeitliche Rahmen?

Das Projekt wird durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) mit einer Projektlaufzeit von 2,5 Jahren gefördert und von der Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft (BLE) betreut. Projektbeginn war der 01.10.2018.

 

Es gibt drei Verbundpartner:

 

Klinik für Schweine

der Tierärztlichen Fakultät

Ludwig-Maximilians-Universität München

 

Zentrum für Präklinische Forschung

Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München

 

Lehrstuhl für Tierschutz, Verhaltenskunde, Tierhygiene und Tierhaltung

Veterinärwissenschaftliches Department

Ludwig-Maximilians-Universität München

 

und drei unterstützende Projektpartner:

 

Landwirtschaftskammer Niedersachsen

Schweinegesundheitsdienst

 

Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen

Schweinegesundheitsdienst

 

Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie

Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München